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Olympischen Gedanken mit Füßen getreten

Der deutsche Schachpräsident strapaziert Mainzer Gastfreundschaft

Von Hans-Walter Schmitt

 

„Setz Dich hin und hör’ zu, was der sagt“, raunte ein vieljährig befreundeter Mainzer Sponsor mir zu. Ungläubig bewegte ich mich schleunigst an meinen Platz, direkt dem Rednerpult gegenüber. An meinem Tisch saßen der ORDIX-Geschäftsführer Michael Fey, daneben Carmen Kass, die estnische Schachpräsidentin, der Oberbürgermeister der Stadt Mainz, Jens Beutel, der Geschäftsführer der Wohnbau GmbH, Peter Herrnberger mit Frau, daneben der sechsfache Chess-Classic-Champion Vishy Anand mit Frau Aruna.

Dem Präsidenten des Deutschen Schachbundes, Alfred Schlya, passte es offensichtlich überhaupt nicht in den Kram, dass der oft mit dem Image „langweilig“ behaftete Denksport plötzlich durch die Chess Classic Mainz 2004 für Schlagzeilen sorgte. Schlya kritisierte mit Blick auf die Schach-Olympiade 2008 die Einladung an das Top-Model beim Champions Dinner harsch. „Wir haben beim DSB lange gerätselt, was den Veranstalter hier in Mainz bewogen hat, die deutsche Bewerbung praktisch zu ignorieren und stattdessen der estnischen Bewer-bung Zeit und Raum einzuräumen“, erklärte Schlya laut seinem Redemanuskript und ergänzte wenig später, „wir haben keine plausible und logische Erklärung gefunden.“ Das wundert mich eigentlich wenig, ist doch bekannt, dass der DSB-Boss kein internationaler Stratege oder gar Visionär in Sachen Schach ist – er nimmt nicht einmal zur Kenntnis, dass die 30- bis 60-jährigen Wenigzeitinhaber systematisch ausgegrenzt werden und rückt den von Präsident Beutel geführten Verband WNCA (World New Chess Association) in die Nähe von „Märchenschach und Schwalbe“. Bei den Dortmunder Schachtagen soll Schlya die Veranstalter dadurch pikiert haben, dass er Dresden als deutsche Schachhauptstadt bezeichnete. Nicht viel besser fühlte sich unser Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel, als er vor wenigen Monaten den DSB-Kongress in seiner Stadt ermöglicht hatte – und dafür durch Schlya von den „deutschen Schachhauptstädten Dresden und Dortmund“ zu hören bekam. Dass ein kleines, unbedeutendes Turnierchen auch in den Mainzer Stadtmauern stattfinde, erwähnte Beutel später ironisch.

Das DSB-Oberhaupt warf mir fehlenden Patriotismus vor, weil Kass die Gelegenheit erhalten hatte, die estnische Bewerbung für die Schach-Olympiade 2008 in wenigen Worten auf der Auftaktpressekonferenz zu erwähnen. Die 25-Jährige hatte dabei ihre Sympathie für den „sehr starken deutschen Kontrahenten Dresden“ bekundet und einen Gedankenaustausch angeboten. Alfred Schlya hätte diese Situation nutzen können, nein, besser nutzen müssen. Waren doch über 40 Nationen bei den Chess Classic Mainz involviert, stattdessen verbreitete er mit seiner abgelesenen, also durchgeplanten und mir viel zu deutschtümelnden Rede beim Champions Dinner für frostige Stimmung. Ein befreundeter Schachfan sagte mir später, dass bei einer Abstimmung zu diesem Zeitpunkt die Esten seiner Ansicht nach mit 90:10 gewonnen hätten. Carmen Kass verzichtete anschließend genauso auf ihre geplante zweiminütige Rede wie Anand. Ich war am Platzen. Ich bemühte meinen Stammbaum, um Zeit zu gewinnen, die innere Balance zu finden: „Ich bin Deutscher, meine Eltern sind Deutsche, meine Großeltern sind Deutsche, meine Urgroßeltern sind Deutsche, meine Ururgroßeltern sind Deutsche und meine Urururgroßeltern sind Deutsche. Natürlich stehe ich auch hinter der deutschen Bewerbung.“ Dass die CCM einen kostenlosen Mediencoup fürs Schach landeten und jahrelang auf oberstem internationalen Niveau Schach präsentiert – genau wie die Schachfreunde aus Dortmund - ist Werbung pur für den Standort Deutschland und sicher auch wertvoll und hilfreich für die Dresdner Olympia-Bewerbung über die Grenzen von Deutschland hinaus. Wollen das die Funktionäre beim DSB nicht verstehen oder verstehen Sie nichts von Marketing und Vertrieb? Den blamablen Auftritt des DSB-Präsidenten kommentierte die „Mainzer Allgemeine“ am übernächsten Tag süffisant mit dem Aufmacher: „Böse Attacken beim Champions Dinner“ und „Chess Classic: DSB-Präsident schimpft über estnische Delegation um Carmen Kass und löst einen Eklat aus“.

Zumindest Dr. Dirk Jordan, in Dresden verantwortlich für die Olympiade-Bewerbung, wusste, worauf es mir ankam: „Carmen Kass nach Mainz zu holen, war ein exzellenter Schachzug und Werbung für unseren Sport!“ Jordan gab lediglich zu bedenken, „der DSB hätte sich aber gewünscht, auch so offiziell eingeladen zu werden wie sie“. Ich stelle hier noch einmal fest, dass ich Dr. Jordan angeboten habe, seine Olympia-Bewerbung zu präsentieren. „Er sagte nein, wir wollen die Esten überraschen und nicht jetzt alles kundtun! Ich habe zweimal mit ihm telefoniert und auch die Frage gestellt, ob ich die Esten ausladen solle. Die Antwort lautete: ,Das ist dein Bier – Rede mit Alfred Schlya.’“ Letzteres habe ich unterlassen, weil offensichtlich alle führenden Köpfe der Olympiade-Bewerbung in Dresden und nicht beim DSB sitzen – gut so fürs Schach in Deutschland und gut für die Olympiade-Bewerbung 2008. Ungeachtet dessen lud ich sechs DSB-Funktionäre nach Mainz ein, darunter Präsident Schlya, Geschäftsführer Horst Metzing, Alt-Präsident Egon Ditt, Pressereferent Norbert Heymann-Schatzmeister Michael S. Langer und Rechtsberater Ernst Bedau, dazu meinen Veranstalterkollegen aus Dresden, Dirk Jordan mit Frau, die deutschen Schachkoryphäen Wolfgang Unzicker, Wolfgang Uhlmann und Lothar Schmid und natürlich die Vorsitzenden der Landesverbände Hessen, Dr. Harald Balló, Rheinhessen, Klaus Zachmann, und Rheinland-Pfalz, Günther Müller. Mein Vorschlag an Dirk Jordan war, uns getreu dem Motto von Olympia-Neubegründer Pierre de Coubertin zu präsentieren, das lautet „Der Beste möge gewinnen“.

Wir haben eine riesengroße Chance verpasst, uns als große, generöse Deutsche mit Weitblick zu präsentieren. In meiner Rede gelang es mir danach offensichtlich, die Deutschtümeleien und das provinziellen Denken als Verfehlung eines Einzelnen zu entlarven und habe für unser internationales Flair gute Werbung für die Chess Classic mit wohl positiven Auswirkungen machen können – was die Zukunft des DSB anbelangt, muss man hoffen, dass ein Präsident wie Schlya entsprechend seiner Fähigkeiten vielleicht auf höherer Ebene beim Weltverband Fide oder zumindest bei der European Chess Union eingesetzt werden kann – eine junge deutsche Präsidentin á la Carmen Kass mit einem visionären und international agierenden, gut bezahltem Manager, der die Sprache seiner Kunden und der Sponsoren versteht, würde uns eher helfen, Aufbruchstimmung zu erzeugen - und die Chancen, die Schach momentan bietet, in der Gesellschaft wahrzunehmen. Einer der potenziellen neuen Chess-Classic-Sponsoren für 2005 erklärte mir unmittelbar nach meiner Rede: „So lange Schlya Präsident des DSB ist, bekommen die keinen Euro mehr von mir. Ich steige bei den nächsten CCM bei Ihnen ein, wie es bereits Oberbürgermeister Jens Beutel eben in seiner Rede gesagt hat, wenn ich darf …“ Aufmunternde Worte kamen von Jens Beutel, unseren Sponsoren, Teammitgliedern und internationalen Gästen unisono. Dazu herzliche Gratulationen von unseren Superstars Viswanathan Anand und Peter Swidler – sowie besonders erbaulich für mich – einen dicken Kuss von meiner lieben Frau Cornelia und dazu verbale Blumen: „Heute warst du wirklich große klasse und super souverän.“ In 25 Jahren gemeinsamen Schachlebens kam das bisher niemals über ihre Lippen! Ich war etwas verdutzt, aber völlig zufrieden.

Zum Schluss ein Kommentar bzw. Informationen eines Unternehmensberaters aus gut unterrichteter Quelle: Lässt man Fragen der Höflichkeit und Angemessenheit ganz außer Acht, so muss man sich dennoch fragen, ob der Auftritt von Präsident Schlya zielführend war. Denn ein gut informierter Beobachter, der auch bei der Rede anwesend war, versicherte glaubhaft, dass es überhaupt keinen Wettstreit zwischen den beiden Städten Dresden und Tallinn um die Ausrichtung der Schach-Olypmiade mehr gäbe; und zwar schon seit über 3 Monaten nicht mehr. Diese Information sei laut Aussage des „Insiders“ zwar noch nicht öffentlich bekannt, aber ein Schach-Funktionär vom Range Schlyas müsse doch über eine so wichtige Entwicklung informiert sein. Es wird sich zeigen, worauf der Beobachter anspielte. Stimmt es aber, dass Dresden und Tallinn schon längst keine Konkurrenten um die Ausrichtung der Schach-Olympiade 2008 mehr sind, dann muss man sich doch die Frage stellen, ob es nötig war, den Organisator der Chess Classic am Vorabend seines Events vor seiner versammelten Mannschaft, vor seinen Hauptdarstellern Swidler, Schirow, Aronjan und Anand, und vor seinen geladenen Gästen so zu attackieren. Gens una sumus!

 

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