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Kein Marketing-Trick – nur Dankbarkeit!

„Free Bobby Fischer“-Aktion kommt von Herzen, aber mit Strategie


Von Hans-Walter Schmitt

 

Wir schreiben das Jahr 1972, ein Amerikaner namens Robert James Fischer stürmte im Kampf um den Welt-meisterschaftstitel im Schach über alle Qualifikationshürden, nachdem er mit unnachgiebiger Beharrlichkeit dafür sorgte, dass die sowjetgesteuerte Fide die Regeln für die Kandidatenturniere änderte. Mit 6:0 gegen Mark Taimanow, 6:0 gegen Bent Larsen, 5,5:2,5 gegen den „eisernen“ Tigran Petrosjan erreichte er schließlich das Finale gegen Boris Spasski. Nach wiederum zähen Verhandlungen um einen verdoppelten Preisfonds startete Bobby Fischer in Reykjavik den Kampf mit einem selbst verschuldeten Rückstand von 0:2. Ganz alleine auf sich gestellt gegen den amtierenden sowjetischen Weltmeister und eine ganze Meute von sowjetischen Top-Ten-Großmeistern, die Spasski in der Vorbereitung und in den Hängepartien unterstützten.

Dies war für mich ein völlig ungleicher und ungerechter Zweikampf. Er gipfelte, nachdem er seinen einzigen Helfer GM Lombardy entlassen hatte, im Duell des Amerikaners Fischer gegen Spasski und die Sowjets - er wollte unbedingt den Sieg unteilbar für sich allein erkämpfen. Nur mit seiner Intelligenz, seinem riesengroßen Schachverständnis und seinem unbändigen Willen brachte er die Schachkrone in die freie westliche Welt. Seine untadelige Haltung gegenüber seinen Opponenten, keine schnellen Remisen, kein faules Taktieren, keine Absprachen während der Turniere begleiteten ihn durch seine ganze Schachkarriere bis zum absoluten Höhepunkt.

Ich war davon dermaßen tief beeindruckt, dass ich selbst anfing, 20-jährig als Unterprimaner (2. Bildungsweg, technisches Gymnasium), Schach zu lernen. Hatte ich bis dahin in meinem naturwissenschaftlichen logischen Denken keine Limits gespürt (alles Einser), türmten sich beim Schach schon auf unterster Ebene riesige Hürden auf. Dies ließ die Hochachtung vor Fischers Leistung bei mir noch mehr steigen - und es gab mir das klare Zeichen, dass ich kein Großmeister mehr werden kann. Ich musste mich also um einen vernünftigen Beruf kümmern.

Persönlich war ich wütend bis beleidigt, dass er 1975 gegen Anatoli Karpow seinen Titel nicht verteidigte, und kündigte ihm meine mentale Freundschaft. Die entwickelte sich aber 1996, mit seinem brillanten Vorschlag zur Reform des Schachspiels, dem Geniestreich „Fischer Random Chess“, neu. In diesen Tagen wurde die seit dem 09.06.96 bestehende Hoffnung, dass sich Fischers Ideen (Zeitregeln und Startaufstellung betreffend) zu meinem persönlichen Anliegen.

Meine zwei Kernthesen:

  • „Systematisches Denken und Handeln - beginnend bei der Analyse des Status quo bis hin zur Realisierung von ,der’ Vision - scheitern oft im Anfangsstadium an dem subjektiven Eindruck der Überforderung, der Bequemlichkeit, der Besitzstandswahrung und der Reformfeindlichkeit. Oft sind diese Eigenschaften die bittersten Gegner in der Auseinandersetzung mit Kreativität und Innovation, allerdings wohlgetarnt unter der Verpflichtung zur Tradition und Glaubwürdigkeit.“
  • „Fischers Spielidee wird sich im Schach genauso durchsetzen wie das Internet in der Kommunikation.“

Im Hinblick auf die Chess Classic Mainz 2004 war ich schon unterstützend tätig bei der Entstehung eines Büchleins von Reinard Scharnagl mit dem Titel: „Fischer-Random-Schach (FRC, Chess960), Die revolutionäre Ent-wicklung des Schachspiels“. Außerdem ließ ich zusätzlich von Gerhard Kenk eine spezielle Fischer-Biographie entwickeln mit Fokus auf das zukünftige Schach. All dies geschah mit dem sehnlichen Wunsch, ihn doch hof-fentlich einmal zu treffen – wenn nicht persönlich, dann doch wenigstens einmal im ICC online. Dann kam die Meldung vom 12. auf den 13. Juli mit der Verhaftung Fischers in Japan. Persönlich wollte ich unbedingt helfen und am liebsten sofort nach Japan fliegen, aber was bringt das schon? Stattdessen entschloss ich mich, ein spektakuläres Feuerwerk rund um das Fischer-Schach im FiNet Open und Gerling Match abzubrennen. Diese Plattform wollte ich mit Superstars wie Ex-Weltmeister Ruslan Ponomarjow, der Nummer vier der Weltrangliste, Alexander Morosewitsch, und Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa (plus mehr als 60 Großmeister) nutzen, um den Schachliebhaber Otto Schily mit der Aktion „Free Bobby Fischer“ zu aktivieren. Der Brief an den Minister des Innern, Ehren-Großmeister Schily, das gelbe T-Shirt (Bild: Prominenter Fürsprecher im Free Bobby Fischer T-Shirt: Vlastimil Hort) als öffentliches Zeichen und eine Unterschriftenaktion sollten die Aufmerksamkeit der Medien auf das Problem lenken und nebenbei auch die Medienwirksamkeit unserer Mainzer Veranstaltung nachhaltig steigern. Zudem nahmen wir die estnische Schachpräsidentin, Top-Model Carmen Kass, ins Werbeboot der Chess Classic. Am 28.Juli, genau eine Woche vor dem Beginn des Turniers, fing die Aktion an, „Wellen“ zu schlagen.

Die zuerst ausschließlich positive Resonanz und die sich drastisch verschlechternde Situation für Fischer veranlasste mich, mit meinen Freunden bei den Chess Tigers jetzt richtig pressemäßig Dampf zu machen. Werbetechnisch explodierte das Thema um Fischers Verhaftung. Danach aber baute sich mehr und mehr Kritik an der Aktion auf, die sich nicht um das Schachgenie Fischer drehte, sondern um dessen politische und religiöse Aussagen der letzten 25 Jahre. Die Kritiker forderten mich auf, die Aktion abzubrechen, weil man Fischer nur ganzheitlich sehen dürfe und es nicht legitim sei, das Schachgenie Fischer und seine Ideen für die Chess Classic und die Zukunft des Schachs isoliert zu betrachten. Obwohl ich mich von den Aussagen und Ansichten Fischers zum 11. September 2001, Antisemitismus und Antiamerikanismus auf das Äußerste distanzierte, gab es vereinzelt anonyme Anrufe, die mich in die „braune“ Ecke stellten und aufs Übelste beschimpften – ich war geschockt, hatte ich doch in meiner Offenheit und Naivität nicht im Geringsten damit gerechnet. Plötzlich verstand ich, dass mehr als 100 E-Mail-Schreiber vorher mir zu meinen „Mut“ gratulierten, obwohl ich doch nur näher an mein schachliches Idol Bobby Fischer herankommen wollte.

Ich wollte und konnte die Aktion nicht mehr stoppen. Deshalb zogen wir sie mit gedämpftem Optimismus, aber konsequent während der Chess Classic durch. Internationale Aktionen in Japan und Island ermutigten uns sehr. Auch die Aktion des Passauer FDP-Bundestagsabgeordneten Dr. Max Stockbauer vom 4. August mit seinem offenen Brief an den für Sport zuständigen Minister Schily ließen meine Bedenken wieder schwinden. Stockbauer hat um Nachsicht für Fischer gebeten und richtete den Appell an die Bush-Administration. Die Aufforderungen aus Peru, Argentinien, Südafrika, Australien, Philippinen, Finnland, Kanada usw. und besonders die rund 300 E-Mails aus den USA (von insgesamt mehr als 1000 eingehenden) bestärken uns momentan, die Aktion weiterzuführen. Mein Herzens- und größter Schachwunsch ist, Bobby Fischer persönlich kennen zu lernen, um mit ihm wenigstens ein paar Partien Chess960 zu spielen. Gerne würde ich mit ihm auch über die Zukunft seines Schachs reden und die vielen Aussagen seiner so genannten Freunde überprüfen. Für Essen und Trinken, für das Dach über dem Kopf und für seine körperliche und geistige Gesundheit würde ich gerne mit den Chess Classic Friends in Zukunft sorgen, sollte der 61-Jährige in Deutschland Asyl gewährt bekommen – egal, ob Gerhardt Fischer sein Vater ist oder nicht.

 

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