3. Innovatives Chess960 Open

Almasi im FiNet Open ungeschlagen

Ungar fordert 2005 Weltmeister Swidler / Einen Punkt vor Bacrot

Von Eric van Reem
und Hartmut Metz

 

Der Ungar Zoltan Almasi, der für den Berliner Bundesligisten SC Kreuzberg ans Brett geht, gewann das FiNet Chess960 Open ungeschlagen mit 9,5 Punkten aus elf Partien. Er gewann acht Partien und spielte dreimal Remis. Nach sieben Runden hatte Etienne Bacrot noch eine perfekte Bilanz aufgewiesen, konnte aber die Form nicht bis zum Schluss konservieren. Der französische Jungstar blieb nur dank besserer Wertung vor Sergej Rublewski, Alexander Morosewitsch, Darmen Sadwakasow, Michail Kobalija, Arkadij Naiditsch und Pawel Tregubow. Sie alle erzielten 8,5 Punkte. Den Vorsprung „erzwang“ Sadwakasow, der sich in der letzten Runde nicht mit einem Remis gegen Almasi hatte bescheiden wollen. „Ich musste es wagen, weil ich nach meiner Auftaktniederlage die schlechtere Wertung aufwies“, erläuterte der Kasache, warum für ihn kein Remis in Betracht kam. Nach fünf Siegen in Folge am zweiten Tag wähnte er sich ohnehin stark genug, um den Ungarn in die Schranken zu weisen. Ungeachtet seiner Niederlage fand Sadwakasow Gefallen an Chess960. „Es macht Spaß, auch wenn es manchmal schon ab dem ersten Zug schwierig zu spielen ist. Ich bin mir sicher, dass künftig mehr Profis auch im Chess960 antreten, wenn sich Organisatoren dafür finden.“

Almasi hatte sich auf das Turnier gefreut, „weil hier sehr gute Gegner antreten. Ich bin umso glücklicher, dass ich das FiNet Open auch noch gewinnen konnte. Bis zur letzten Partie dachte ich nie an Platz eins. Bacrot hatte Pech. Wenn er gegen Sadwakasow gewonnen hätte, wäre er Erster geworden. Chess960 ist zwar kein normales Schach, aber es ist Schach!“, erklärte der aufgedrehte Turniersieger. Seine gute Form – zusammen mit seinem Ergebnis im Ordix Open (8,5/11) reichte es dem 27-Jährigen auch zum ersten Rang in der mit 1.500 Euro dotierten Kombinationswertung – führte Almasi auf einen Faktor zurück: „Ich habe in den vergangenen Monaten viel mehr Turniere gespielt als früher.“ Im Chess960-Turnier sei die Auslosung der Startstellungen auch viel besser ausgefallen als im Vorjahr. „Damals war manche Stellung für Schwarz schon fast verloren“, befand der Ungar, der 2003 nach seinen 7/11 im Chess960 Open kaum ein gutes Haar am Fischer-Schach gelassen hatte. Debütant Etienne Bacrot zog ebenfalls ein positives Fazit. „Die Umstellung vom normalen Schach fällt nicht leicht, ist Chess960 doch ganz anders. Aber es ist sehr interessant, wenn die Lotterie nicht zuschlägt und Weiß gleich enormen Vorteil erhält“, äußerte der frisch verheiratete 21-Jährige. Während für Almasi die Partien gegen Tregubow und Grischuk, in denen er riskant alle Brücken hinter sich abbrach, turnierentscheidend waren, verhinderte die „verrückte Partie gegen Sadwakasow“ den Sieg des Weltranglisten-14. Der Franzose räumte aber auch ein, gegen den mit fünf Siegen gestarteten Artur Jussupow enormes Glück gehabt zu haben. Der Deutsche schüttelte auch später noch nur den Kopf, wenn er auf die Partie angesprochen wurde. Ihm war unbegreiflich, dass er zwei freie Zentrumsbauern nicht zum Sieg nutzen konnte und sogar noch verlor! Das mit 207 Teilnehmern exzellent besetzte FiNet Chess960 Open fand Bacrot sehr hart: „Man kann sich nie erholen, weil man sofort wieder einen starken Gegner bekommt.“ Daran will sich der Weltranglisten-14., der erstmals die 2700er-Schallmauer durchbrach, aber ohnehin gewöhnen. „Mein Ziel besteht darin, in den Topkreis reinzukommen und zu beweisen, dass ich die 2700 Elo verdiene.“

Weniger glücklich zeigte sich der deutsche Aufsteiger Jan Gustafsson, der mit sechs Punkten nur Platz 72 belegte! „Ein grausames Spiel! Ich habe meine Zweifel, dass Chess960 und ich Freunde werden.Es ist einfach schwierig, die Figuren richtig zu entwickeln. Es ist hier ein Stahlbad, weshalb ich mir nichts ausrechne“, sagte der Hamburger schon zur Halbzeit des Turniers und sah die Chess Classic als „Aufbautraining“ für seine Turniere und die Olympiade im Herbst.

Runde 1

Top Spieler wie Ruslam Ponomariov, Alexander Morozevich spielen Chess960 zum ersten Mal. Alexei Schirow, auf den in der Abendveranstaltung selbst ein schweres Auftaktmatch wartete, stand vor den Präsentationsbrettern und beobachtete gespannt wie seine Kollegen die erste Ausgangsstellung behandelten.

Ponomarjow spielte seine erste Chess960-Partie gegen Schmitt. Nach einem erstaunlich harten Kampf konnte der Ex-Weltmeister gegen den im Chess960 geübten Organisator das Bauernendspiel gewinnen. In der zweiten Runde traf der Ukrainer auf den jungen Dortmunder IM David Baramidse und musste erstes Lehrgeld bezahlen.
Frisch vom Superturnier in Dortmund angereist, verlor Sergei Rublewski in der ersten Runde gegen den Amateur Ahmad Siar Wahedi. Rublewski opferte einen Bauern auf g2, aber auch das reichte nicht. „Ich hatte leichtes Spiel und konnte sogar einen Großmeister matt setzen", kommentierte Wahedi lachend, „Ich muss sagen, dass sich mein Gegner sehr sportlich nach dem Match verhielt und mir fair gratulierte.“

Runde 2

Im Mai veranstaltete der niederländische Schachclub Fischer Z die ersten niederländischen Meisterschaften. Die Idee entstand nach einem Besuch der Holländer bei den Chess Classic 2003 Jahr. Sie waren begeistert und kamen auch in diesem Jahr wieder. Yasser Seirawan war einer von ihnen. Der amerikanische Großmeister ist mit der Holländerin Yvette Nagel, selbst Fide-Meister, verheiratet. Er gewann seine zweite Partie gegen IM Leonid Sobolewski. Ein anderer Holländer, GM Erik van den Doel, erwischte auch einen guten Start und schlug IM Janez Barle.

Runde 3

In der dritten Runde düpierte Igor Glek Morosewitsch. Mit nur wenigen Sekunden auf seiner DGT-Uhr fand Glek die richtigen Züge und konnte überraschend den Favoriten besiegen. Dies war seine Startstellung:

Es ist interessant zu sehen, wie viele verschiedene Möglichkeiten aus dieser Stellung entstanden. Morosewitsch - Glek startete mit 1.c4 e5 2.Sc3 f5 3.d3 Sf6 4.f4 - die Partie Grischuk - Jussupow hingegen mit 1.f4 d5 2.Sf3. „Black is o.k.“ galt ausnahmsweise im Chess960! Sechs der sieben Top-Partien der dritten Runde endeten mit einem Sieg für Schwarz. Arkadij Naiditsch musste sich Bacrot geschlagen geben. Nach drei Runden wiesen noch 15 Spieler eine perfekte Bilanz auf.

Runde 4

Diese Stellung war für die Großmeister Eric Lobron und Jaan Ehlwest wohl zu schwierig. Sie schauten sich die Stellung an, blickten sich in die Augen, schüttelten die Hände - und nahmen Kurs auf die Bar. Krishnan Sasikiran konnte sich allerdings besser in Szene setzen: Er eröffnete mit dem Zug 1.a4! und nach d5 setzte er mit 2.a5 fort. Diese Strategie funktionierte ganz ordentlich, punktete der Inder doch zum vierten Mal in Folge. Das schafften außer ihm nur noch Bacrot, Jussupow, Peter Heine Nielsen und Michail Kobalija.

Runde 5

Viele Akteure zogen 1.e4?. Doch nach der Antwort f5! griff der Läufer auf g8 den Bauern auf a2 an. Auf einem Spaziergang durch die Halle konnte man viele Läufer beim Bauernraub auf a2 beobachten, beispielsweise in der Partie zwischen Anna Dergatschowa-Daus und Morosewitsch. Der Weltranglistenvierte gewann leicht. Aber seine Punktausbeute von 3,5 Punkten am ersten Tag dürfte ihn kaum zufriedengestellt haben. Seirawan konnte auch schnell auf a2 einschlagen, doch nicht seine Partie gewinnen „Chess960 ist keineswegs so einfach“, nahm es der Sieger der niederländischen Chess960-Meisterschaften lachend zur Kenntnis, „Mein Gegner besaß gute Kompensation. Ich hatte Glück, dass es noch Remis wurde. Besonders schwierig war die Stellung in der ersten Partie. Ich fand keinen guten Plan, doch schließlich gewann ich doch. Es macht Spaß, Chess960 mit seinen neuen Herausforderungen zu spielen. Und auch die Spielbedingungen in der Rheingoldhalle sind top. Ich freue mich auf die morgigen Partien", erklärte Seirawan.

„In meiner ersten Chess960-Partie war mein erster Zug die Rochade", erzählte Reinhard Scharnagel, Autor eines Buchs über Chess960. „Danach waren meine Türme gut im Zentrum postiert, und ich hatte eine passable Position." Sein Abschneiden nahm Scharnagel mit Humor: „Ich konnte einen Punkt gegen Herrn Freilos verbuchen. Ich habe schon lange kein Schach mehr gespielt und viele Fehler begangen. Doch es gibt ja morgen noch sechs Chancen.“ Richard Pijl, Entwickler des Schachprogramms The Baron, erspielte am ersten Tag zwei Punkte. Er unterstützte die Kommentatoren der Abendpartien mit seinem Computerprogramm. „Eigentlich bräuchte ich morgen bei meinen eigenen Partien etwas Computer-Hilfe“, scherzte er. Nach fünf Runden blieben nur drei Spieler mit einem optimalen Score an der Spitze: der Franzose Etienne Bacrot, der Russe Michail Kobalija und Jussupow. An deren Fersen hefteten sich Luke McShane (England), Wadim Swagintsew (Russland) und Almasi mit 4,5 Punkten.

Runde 6

Am zweiten Tag verpasste Jussupow seinen sechsten Sieg in Folge. Mit den schwarzen Steinen erreichte er eine Gewinnstellung im Turmendspiel, die er zum Verlust verpatzte. Kontrahent Bacrot nahm das Geschenk gerne an und führte danach alleine. Die Spieler mussten sich mit folgender Stellung auseinander setzen:

Der einzige weitere Spieler mit weißer Weste – Kobalija - verlor seine erste Partie gegen Almasi. Ponomarjow bekam offensichtlich ein nächtliches „Trainingsmatch“. Der Ukrainer hatte mit Morosewitsch zehn Chess960-Blitzpartien mit je 50 Euro Einsatz vereinbart. Letztlich knöpfte Ponomarjow dem Weltranglistenvierten 100 Euro ab. Der Ex-Weltmeister fand sich durch einen Sieg auch im Turnier plötzlich wieder in die Top Ten. Gegen Alexander Rustemow, einem der schnellsten Spieler der Schachszene, gewann er ein kompliziertes Endspiel. Morosewitsch, der das Festival in Biel mit spektakulärem Schach und einer Elo-Performance von 2863 gewonnen hatte, kam derweil trotz der weltmeisterlichen Lektionen nicht richtig in Fahrt und zog den Kürzeren.

Als weiterer Topfavorit galt Alexander Grischuk, der Wladimir Baklan schlagen konnte. Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa besiegte die deutsche Nummer eins Alexander Graf in einer „lustigen“ Partie. Dessen König machte einen Ausflug bis auf das Feld d5, dort wurde er allerdings bei vollem Brett matt gesetzt. Spieler und Zuschauer waren über den plötzlichen Ausgang der Partie überrascht, realisierten doch selbst die zwei Hauptdarsteller nicht gleich das Matt. Aber nicht nur deswegen fand die spätere Siegerin des Damen-Preises im FiNet Chess960 Open lobende Worte über das Fischer-Schach.

Runde 7

In der siebten Runde galt schon wieder der Buchtitel von Andras Adorjan, „Black is o.k.“. Davon profitierte vor allem der führende Bacrot, der mit Schwarz Swagintsew niederrang, Auch an den nächsten drei Brettern behielt der Nachziehende die Oberhand. Im Kampf der Jungstars zwischen Sergej Karjakin und McShane setzte sich der englische Hoffnungsträger durch. Jussupow und Kobalija büßten weiteren Boden ein und verloren schon die zweite Partie des Tages. Ein weiterer Verlierer: Grischuk. Zoltan Almasi gewann mit Schwarz überzeugend.

Runde 8

Tatsächlich konnte Almasi anschließend den führenden Bacrot stoppen: Die Partie endete schnell unentschieden, die Spieler wollten sich anscheinend für die letzten drei Runden schonen. Wichtige Siege erzielten dagegen Tregubow über Ponomarjow und Kobalija gegen Jewgeni Agrest. Jussupow verlor hingegen seine dritte Partie in Folge! Der Stand lautete so nach der achten Runde: 1. Bacrot 7,5; 2.-3. Almasi, Tregubow 7; 4. Kobalija, Felix Levin, Konstantin Landa, Sadwakasow 6,5.

Runde 9

Bacrot konnte sehr zufrieden sein, dass er gegen Tregubow nicht verloren hatte. Die Begegnung endete nach hartem Kampf friedlich. Dies waren gute Nachrichten für Almasi: Der Ungar schlug Landa, der sehr attraktives und kreatives Schach spielte, aber sich zum Schluss nicht gegen die Effizienz des Ungarns durchsetzen konnte. Almasi schloss dadurch zu Bacrot auf (beide 8). Sadwakasow rückte durch seinen Erfolg über Levin auf 7,5 Punkte vor. Grischuk durfte nach seinem Sieg über Rustem Dautov ebenso wie Kobalija, Andrej Schchekatschew und Rublewski (alle 7) hoffen. Für Letzteren ein glanzvolles Comeback nach seiner Erstrunden-Schlappe gegen Amateur Wahedi.

Runde 10

Wenn man diese Position mit der der Runde neun vergleicht, erkennt man einige Ähnlichkeiten. In einer hochdramatischen Runde verlor der in Front liegende Bacrot gegen Sadwakasow. Der Kasache war genauso wie Rublewski mit einer Null ins Turnier gegangen - Julian Scheider heißt sein Bezwinger -, um dann ein phänomenales Comeback zu starten. Am zweiten Brett einigten sich Almasi und Tregubow auf eine Punkteteilung. Grischuk verpasste seine letzte Chance, ganz nach oben zu kommen, durch eine Niederlage gegen Kobalija.

Runde 11

Der Abba-Song vor der letzten Runde, „The winner takes it all“ kennzeichnete die Situation vor dem letzten Schlagabtausch: Der Bessere der beiden mit 8,5 Punkten führenden Großmeister Almasi und Sadwakasow sollte nicht nur rund 2.700 Euro Preisgeld erhalten, sondern auch das Recht, im nächsten Jahr gegen Peter Swidler (4,5:3,5-Sieger über Levon Aronjan) um die WM zu spielen. Die Verfolger hofften daher auf ein Remis, um selbst noch mit neun Punkten aufschließen zu können. Aber unerwartet leicht kam Almasi zum Sieg. Bereits nach 20 Zügen hatte Sadwakasow kaum noch einen sinnvollen Zug. Weil dagegen die schärfsten Rivalen remisierten, lag der Ungar am Schluss einen ganzen Zähler vor sieben Großmeistern mit 8,5 Zählern.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teilnehmerliste

Ergebnisse Runde 1
Ergebnisse Runde 2
Ergebnisse Runde 3
Ergebnisse Runde 4
Ergebnisse Runde 5
Ergebnisse Runde 6
Ergebnisse Runde 7
Ergebnisse Runde 8
Ergebnisse Runde 9
Ergebnisse Runde 10
Ergebnisse Runde 11

Tabelle
IPS Auswertung

Partien im pgn Format (Lesbar mit Arena.)
Partien in Chessbase - Format.

 


Yusupov - Grischuk


Schmitt - Ponomariov


Morozevich - Beutel


Etienne Bacrot Sergey Karjakin


Inna Gaponenko Natalia Zhukova


Viktor Bologan


Victoria Cmilyte


Vlastimil Hort


Wolfgang Uhlmann

Fotos Thilo Gubler

 

 

 

20 Minuten/Partie + 5 Sekunden/Zug

Donnerstag, 5.8.
Anmeldung bis 12:15 Uhr
Runde 1-5
Freitag, 6.8.
Runde 6-11 ab 10:00 Uhr
Siegerehrung 17:30 Uhr

Ausschreibung

Regeln

Weltrangliste

Eric van Reem: "Die Geburtsstunde des Chess960 (Fischer Random Chess)"